MOOC-basiertes Lernen in Unternehmen - Wie Digitales Lernen die Ausbildung in Unternehmen langfristig verändern wird

Massive Open Online Courses (MOOC) sind zu einem Bestandteil der universitären Ausbildung geworden. In Unternehmen sind dagegen Small Private Online Courses (SPOC) eine interessante und effiziente Lernform, um sowohl formelle Lerninhalte zu vermitteln als auch kontinuierliches und kollaboratives Lernen am Arbeitsplatz zu ermöglichen.

Digitales Lernen nimmt an Bedeutung zu. War es vor ein paar Jahren noch fast exotisch, Präsenzausbildung mit webbasierten Lernformaten zu ergänzen, ist es heute umgekehrt fast undenkbar, Lernprozesse ohne digitale Lernformate zu konzipieren. Unternehmen, Ausbildungsinstitutionen und Verbände arbeiten an digitalen Lernstrategien. Digitales Lernen wird das Lernen und Ausbildungsprozesse sowie alle damit verbundenen Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten radikal verändern.
Auch im universitären Umfeld zeichnet sich diese Entwicklung ab. Schon Ende der 90er-Jahre starteten einige innovative Hochschulen damit, Vorlesungen im Hörsaal aufzuzeichnen und über verschiedenen Kanäle verfügbar zu machen. Damit legten sie die Grundlagen für Massive Open Online Courses (MOOC).

Die Anfänge

Der erste MOOC im universitären Umfeld wurde von George Siemens und Stephen Downes initiiert. Der erste MOOC der auch international wahrgenommen wurde, war derjenige von Sebastian Thrun und Peter Norvig. Thrun, Professor für Computer Science an der Stanford Universität, sah sich im Jahre 2012 mit dem Problem konfrontiert, dass seine Vorlesungen immer überbucht und der Hörsaal dementsprechend übervoll war. Seine Entscheidung, die Vorlesung über „Artificial Intelligence“ als Aufzeichnung ins Web zu stellen, führte dazu, dass sich weltweit 160’000 Personen für diesen Kurs anmeldeten. 23’000 schlossen ihn erfolgreich ab und 248 Studierende erreichten dabei eine Punktezahl von 100%, notabene niemand von Stanford.
Dies war die Initialzündung, um neue webbasierte Kursformate für viele interessierte Studierende öffentlich anzubieten. Es wurden Startups gegründet, die unterdessen anerkannte Player auf dem MOOC-Markt sind (EdX, Coursera, Udacity, Iversity, FutureLearn etc).

Die wichtigsten Formate

Schon bald entwickelten sich verschiedene Varianten von MOOCs. Der x-MOOC (x für „extended“ = erweitert) bietet Kursmaterial online an und strukturiert diese Material in „Kohorten“ (Klassen) und im Wochenrhythmus. Dabei folgt der xMOOC dem Modell der klassischen Wissensvermittlung im Hörsaal. Angereichert wird dies durch Übungen, Diskussionen und Support – meistens geleistet von freiwilligen Helfern (peer choaches).
Der c-MOOC (c für „connected“ = vernetzt) verbindet mehrere webbasierte Kommunikationstools und Social-Media-Plattformen und fordert die Teilnehmenden auf, nebst den vorbereiteten Inhalten, selber Beiträge zu erstellen, diese untereinander zu vernetzen und auf geeigneten Plattform hochzuladen. Der Netzwerkcharakter von cMOOCs fördert den spontanen, kreativen Charakter dieser Online-Kurse und erfordert von den Teilnehmenden aber ein gutes Mass an Selbstorganisation, Selbstorientierung und Selbstlernkompetenz. Dafür werden die Teilnehmenden durch einen hohen Grad an Interaktion, viel Austausch und neuen Kontakten belohnt.

MOOC-basiertes Lernen in Unternehmen

Die MOOC-Idee ist nicht nur in Universitäten auf fruchtbaren Boden gefallen (auch in der Schweiz; federführend z.B. die EPFL in Lausanne), sondern auch Unternehmen habe darin ein neues interessantes Ausbildungsformat entdeckt. Die methodischen und didaktischen Grundideen von x- und c-MOOCs werden übernommen. Im Gegensatz zu Universitäten sind aber die webbasierten Kurse in Unternehmen weder „massive“, noch „open“, sondern nur „online“ sowie „small“ und „private“. Für MOOC-basierte Lernen hat sich deshalb in Unternehmen der Begriff „ SPOC (Small Private Online Course) etabliert.

SPOC „Blended Learning 2.0“ in der Credit Suisse

Eine konkrete SPOC-Umsetzung kann hier am Beispiel der Credit Suisse exemplarisch dargestellt werden. Die Credit Suisse führte von Juni 2016 bis September 2016 einen 8-wöchigen Online-Kurs zum Thema „Blended Learning 2.0“ durch. Der Kurs war in 6 Module unterteilt, umfasste 1 Coaching-Woche sowie 10 Arbeitspakete mit Aufgaben (z.B. neue Tools konkret ausprobieren und testen) und wurde von 20 Teilnehmenden, die weltweit verteilt waren, absolviert.
Jedes neue Modul wurde bereits in der Vorwoche mit einem Intro-Video vorgestellt und mit einer Live-Session jeweils am Montag eröffnet. Dienstags und mittwochs war jeweils Selbststudium, am Donnerstag konnte in Live-Sessions mit Experten gesprochen werden und am Freitag wurden die Ergebnisse in einem Blogbeitrag festgehalten und das Modul der Folgewoche vorgestellt. Ein Austausch über eine Online-Lerngemeinschaft (Learning Community) war jederzeit möglich.

Zu diesem Kursformat äusserten sich die Teilnehmenden wie folgt:

  • « I’m happy that you made me too try out and check out tools »
  • « I appreciated the coaching session very much »
  • « Great experience! »
  • « I liked the icebreaker very much »
  • « Most beneficial have been the new tools and ideas »
  • « It was amazing to get to know the different tools – it was valuable »
  • « It was very demanding in terms of time »

Das letzte Statement zeigt nebst den vielen positiven Erfahrungen auch eine Schwierigkeit auf. SPOCs in Unternehmen sind eine exzellente und effiziente Lernform, müssen aber didaktisch geschickt und methodisch vielfältig an die zeitliche und örtliche Arbeitssituation der Teilnehmenden angepasst werden. Sowie MOOCs laufend verbessert werden müssen, um Hochschullehre adäquat online anzubieten, so müssen auch SPOCs in Unternehmen noch weiter optimiert und weiterentwickelt werden. Die ersten Anfänge sind aber gemacht.

Umsetzung

MOOCs und SPOCs können de facto mit einfachen „Bordmitteln“ umgesetzt werden. Je spezifischer und integrierter jedoch eine Lernplattform auf die MOOC-Spezifikas ausgerichtet ist, desto lernerfreundlicher, attraktiver und nachhaltiger kann der webbasierte Lernprozess gestaltet werden:

  • Es bewährt sich, die Teilnehmenden eines MOOC-basierten Kurses so komfortabel und bedürfnisorientiert wie möglich zu unterstützen. Kann z.B. ein Kursinhalt in Woche 1 nicht absolviert werden, wird automatisch eine Verlängerung oder eine Verschiebung angeboten.
  • Bei der Bearbeitung von Arbeitspaketen, die z.B. die Dokumentation von Arbeitsabläufen erfordern, kann es hilfreich sein, wenn die Lernplattform über eine App angesteuert werden kann, die es erlaubt, einfache Videodokumentationen in die richtige Lerngemeinschaft (Learning Community) zu posten.
  • Generell spielt Video bei MOOC-basierten Kursen eine wichtige Rolle. Dies betrifft das Erstellen von Videobeiträgen, aber vor allem auch das Durchsuchen von Videoarchiven und das Auffinden von ganz spezifischen und themenrelevanten Passagen. Auch dazu sollten Lernplattformen Hilfestellungen bieten.

Nebst den technischen Aspekten spielen auch die personellen eine wichtige Rolle. Ein erfolgreicher SPOC muss begleitet werden. Die Coaches müssen dabei über eigene konkrete Erfahrungen mit MOOC-basierten Kursformaten verfügen, um die Teilnehmenden kompetent unterstützen zu können.

Fazit

MOOC-basierte Lernprozesse sind noch ein junges, aber zunehmend wichtiger werdendes Lernformat für Unternehmen – besonders, wenn sie in einem globalen Kontext agieren. Diese Form des Lernens verbindet formelle Inhalte mit arbeitsplatzbezogenen Themen, vernetzt Personen und schafft neue Erkenntnisse. Viele Erwartungen in dieses neue Kursformat wurden noch nicht eingelöst oder konnten bis jetzt nicht richtig umgesetzt werden. Den Kritikern an MOOC-basierten Lernprozessen sei aber mit einem Zitat von Roy Amara, dem früheren Präsidenten des “Institute for the Future”, geantwortet:

“We tend to overestimate the effect of a technology in the short run and underestimate the effect in the long run.”

Siehe auch:

SPOCs: Erfolgsfaktoren für MOOC-basierten Lernen in Unternehmen

  • Exklusivität: Das SPOC-Angebot soll als exklusiv wahrgenommen werden: nicht ein Gratiskurs für alle oder ein obligatorisches Compliance-Pflichtlernprogramm, sondern ein spannendes Lernerlebnis, das sofort zum persönlichen Arbeitserfolg beiträgt. Die erfolgreiche Teilnahme verspricht nicht nur ein anerkanntes Zertifikat, sondern auch einen persönlichen und unternehmensweiten Wettbewerbsvorteil.
  • Exklusivität: Das SPOC-Angebot soll als exklusiv wahrgenommen werden: nicht ein Gratiskurs für alle oder ein obligatorisches Compliance-Pflichtlernprogramm, sondern ein spannendes Lernerlebnis, das sofort zum persönlichen Arbeitserfolg beiträgt. Die erfolgreiche Teilnahme verspricht nicht nur ein anerkanntes Zertifikat, sondern auch einen persönlichen und unternehmensweiten Wettbewerbsvorteil.
  • Einfluss (Empowering): Die Teilnehmenden sollen feststellen, dass ihre Inputs Einfluss auf den Kursablauf haben. Ihre Inputs werden wahrgenommen, beurteilt, geschätzt (z.B. in Foren hervorgehoben), aufgenommen und haben einen Einfluss auf andere Teilnehmenden, auf die Belohnung, die Badges (Kurspunkte) und das Zertifikatsresultat. Coaches weisen z.B. auf besonders gute Beiträge oder Arbeitsresultate hin, z.B. in Form eines kurzen Videobeitrages.
  • Erwartungen/Einbettung in den Arbeitsbetrieb: Es braucht klare Angaben zu den Erwartungen an die Teilnehmenden z.B. bezüglich der Mitarbeit in Online-Lerngemeinschaften. Dies umfasst Angaben zu Umfang, Zeitpunkt, Methode und Art der Beiträge. Diese genauen Angaben helfen den Teilnehmenden auch bei der Planung und der Einbettung der Lernaufgaben in den Arbeitsbetrieb.
  • Inhalt: Die Lerninhalte sollen relevant, praxisorientiert, hilfreich und neu sein. Es soll darauf geachtet werden, dass sowohl firmeninterne wie auch firmenexterne Inhalte berücksichtigt werden (z.B. Management School, Universitäten, renommierte Spezialfirmen).
  • Wettbewerb: Die Lernprozesse dürfen und sollen auch spielerische Aspekte umfassen. Gamification-Elemente und Wettbewerbe (Leaderboards, Peer-to-Peer Vergleiche etc.) können zusätzlich motivieren.
  • Belohnung/Zertifizierung: Die abschliessende Zertifizierung sollte anerkannt sein und einen Mehrwert für den persönlichen Lebenslauf (CV) auch ausserhalb des Unternehmens bieten. In dem Sinne macht es Sinn, sich als Unternehmen um externe Zertifizierungen zu bemühen und mit entsprechenden Zertifizierungsstellen Kooperationen aufzubauen.

Sebastian Kölper, Junior Consultant, Digital Learning
Ivan Inderbitzin, Senior Author/Instructional Designer, Digital Learning